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Fabel: Der schlaue Erklär-Fuchs

Stefanie Klaes

An einem schönen Abend, als der Vollmond den Kirchgarten an der Martinskirche erhellte, trafen sich Dachs, Hase und die Ente. Sie saßen alle drei beisammen und fragten sich, was wohl in diesem großen Gebäude vor sich geht.

Der Dachs sagte: „Da wird gesungen, gebetet und gesprochen, glaube ich“. Der Hase und die Ente wussten damit nichts anzufangen. Man erzählte sich unter den Tieren, dass hier sonntags immer Menschen hinkommen. Aber keines von den Tieren wusste so wirklich, was die Menschen hier tun.

Dann kam der schlaue Fuchs vorbei. Der Dachs, der Hase und die Ente begrüßten ihn recht freundlich. Die Ente fragte: „Lieber Fuchs, mir wird immer nachgesagt, dass ich nicht so schlau sei, deshalb wollte ich dich fragen, ob du vielleicht weißt, warum sonntags Menschen hierherkommen? Verstehst du vielleicht sogar die Sprache der Menschen?“

Dann fing der Fuchs an zu erzählen: „Guten Abend, liebe Freunde! Liebe Ente, ich kann tatsächlich die Sprache der Menschen verstehen und will euch gerne erzählen, was ich neulich gehört habe! Auch ich habe mich gefragt, warum die Menschen immer sonntags hierherkommen. An einem Sonntag war ich ganz gewitzt. Ich habe bemerkt, dass eine Seitentüre offen war und nutzte die Gelegenheit, mich hineinzuschleichen. Oben auf der Empore konnte mich niemand bemerken, und ich hörte zu. Ich hörte eine Pfarrerin von Gott sprechen. Das ist ein Wesen, das von vielen Menschen verehrt wird, aber auf ganz verschiedene Weise und nicht immer so, dass sich dabei alle untereinander gut verstehen. Sie lud daher zu einem theologischen Bankett ein. Alle sollten davon erzählen, was und wie sie glauben, und zuhören, wie die anderen das halten.“

Der Dachs, die Ente und der Hase schauten einander fragend an und sagten: „Lieber Fuchs, was bedeutet das nur? Was soll denn ein theologisches Bankett sein?“

Der Fuchs erzählte weiter: „Die Pfarrerin gab ein Beispiel und erzählte von Kelchen, die verschiedene Farben haben: grün, blau, lila, rot und gelb. Sie stellte der Gemeinde die Frage, was den Leuten an ihrer Weise des Glaubens denn besonders wichtig sei, und was ihnen dabei am Herzen liege. Von Jesus zu erzählen, das war der gelbe Kelch, Gottesdienste feiern und mehr von Gott erfahren, das war der rote Kelch, dahin gehen, wo die Not ist, das war der lila Kelch, sich für den sozialen Wandel einsetzen, das war der blaue Kelch, und sich für Heiligkeit und Weisheit öffnen, das war der grüne Kelch.“

Der Hase konnte damit immer noch nichts anfangen und fragte: „Lieber Fuchs, was bedeutet das alles? Von Jesus zu erzählen oder dahinzugehen, wo die Not ist, oder Gottesdienst feiern, was heißt das nur alles?“
Der Fuchs sprach: „Pass auf, lieber Hase, ich erkläre es dir! Wer über Jesus sprechen will, ist so eine Art Bote für gute Nachrichten. Er oder sie erzählt anderen von der eigenen persönlichen Beziehung zu Jesus, der den Menschen Trost, Gemeinschaft, Rettung und Freude schenkt. Wer Gottesdienste feiern will, will meistens auch mehr über Gott erfahren und den Glauben weitergeben von Generation zu Generation. Dahin gehen, wo große Not ist, das ist, na ja, wie soll ich sagen, so eine Art Aufruf, tätige Hilfe zu leisten. Sie nennen das „Nächstenliebe üben“. Wenn zum Beispiel der Dachs krank ist und der Hase und du nach ihm schauen, dann ist das ein Ausdruck der Nächstenliebe.“

Der Dachs, die Ente und der Hase waren sich einig, dass sie das schon mal ganz gut verstanden hätten. Dann fragte der Dachs den Fuchs weiter: „Und was bedeutet es, sich für den sozialen Wandel einzusetzen oder sich für die Heiligkeit und Weisheit zu öffnen? Konntest du da auch etwas hören, was die Pfarrerin den Menschen erklärt hat?“
Der Fuchs überlegte und sagte: „Ja, da habe ich auch etwas gehört. Es geht dabei um das Engagement für das Wohlergehen nicht nur im engeren Umkreis, sondern in der gesamten bewohnten Welt. Das äußert sich in der Suche nach Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Man könnte sagen, die Welt soll nicht aus Starken und Schwachen oder aus Großen und Kleinen bestehen, alle sollen vielmehr Partner sein, die nach Gerechtigkeit streben und sich für einen sozialen Wandel einsetzen.“

Nun fragte der Hase: „Und was können wir unter der Heiligkeit und Weisheit verstehen?“
Der Fuchs sprach: „Man könnte sagen, dass Menschen nicht einfach so durchs Leben gehen, sondern sich selbst und alles um sie herum in einer Beziehung zu Gott sehen. In der Kirche nennen sie das „Pilgern“ oder „Meditation“. Dabei erfährt man die Einheit mit Gott durch heilige Erfahrungen im Alltäglichen. Gott durchdringt die ganze Schöpfung und beruft die Seele dazu, Teil dieser Schöpfung zu sein. Somit öffnet man sich für die Heiligkeit und Weisheit.“

Die Tiere überlegten und dachten über die Worte des Fuchses nach. Dann fragten sie ihn: „Was glaubst du, wofür werden sich die Menschen entscheiden, die hierherkommen?“

Der Fuchs sagte: „Das kann ich euch nicht sagen, denn die Menschen sind verschieden - auch in religiösen Dingen. Und außerdem wird die Gemeinde ihren Weg finden müssen, da kann ich keine Prognose abgeben. Ich vermute, das theologische Bankett dient der Erkundung in der Gemeinde, wie die verschiedenen Richtungen ihren gemeinsamen Weg gehen können. Mehr konnte ich nicht erlauschen, denn der Gottesdienst war fast zu Ende, und ich wollte ungesehen die Martinskirche verlassen. Also musste ich zügig die Treppe hinunterschleichen und mich über den Seitenausgang wieder unsichtbar machen. Ja, liebe Freunde, nun muss ich mich leider wieder von euch verabschieden. Vielleicht sehen wir uns bald wieder hier im Kirchgarten an der Martinskirche.“

Stefanie Klaes

Fabel: Das Geschenk

Lieve Van den Ameele

Fabeln sind auf den ersten Blick unverdächtige Geschichten, die überall passieren können. Wer genau hinschaut, sieht in den tierischen Dialogen das wirkliche Leben sich spiegeln - und erkennt eine pädogische Absicht.

Es lebte einst ein Dachs an einem Hang. Der Dachs lebte für sich. Er ging täglich seiner Arbeit nach und fiel niemandem zur Last. Ab und zu traf er sich mit dem Waschbären – sie besuchten sich gegenseitig und streiften durch die Gegend auf der Suche nach etwas Essbarem.

Eines Tages kam der Waschbär zu Besuch und klopfte am Bau des Dachses. „He, Meister Dachs!“, rief er. „Ich habe hier ein Geschenk für dich.“ „So!?“, rief der Dachs zurück. „Was soll denn das sein – ich brauch‘ doch nichts.“ „Doch doch!“, antwortete der Waschbär. Als der Dachs den Kopf durch den Eingang zwängte, stieß er mit der Nase auf eine Pflanze. „Was ist das denn?“, fragte der Dachs. „Das ist eine Blume!“, sagte der Waschbär stolz. „Wenn du gut dafür sorgst, wird sie immer schöne Blüten haben.“

„Und wie heißt diese Blume?“, fragte der Dachs. „Es ist ein Usambaraveilchen“, sagte der Waschbär, „das ist etwas Besonderes!“ Der Dachs wusste nicht, womit er dieses Geschenk verdient hatte. Also bedankte er sich artig. Das macht man so, wenn man ein Geschenk bekommt. „Gib ihr regelmäßig Wasser, und sie mag Licht!“, rief der Waschbär, drehte sich um und verschwand. Seufzend schaute der Dachs das Usambaraveilchen an. „In meinem Bau kriegst du kein Licht, und Wasser habe ich hier drinnen auch nicht so gern. Also pflanze ich dich oben neben den Eingang. Dort hast du Wasser, und die Sonne kannst du auch sehen“. Der Dachs reckte die Nase in die Luft. „Du duftest nach gar nix!“, stellte er fest. „Wenigstens hast du eine schöne Farbe!“

Am nächsten Tag kam der Waschbär vorbei, um nach dem Usambaraveilchen zu schauen. „Dass du mir ja gut dafür sorgst!“, sagte er und verschwand wieder. Am nächsten Tag kam er wieder. „Gibst du ihr auch genug Wasser?“, fragte er. „Ja doch!“, sagte der Dachs. Der Waschbär drehte sich um und verschwand wieder. Am nächsten Tag kam er wieder vorbei: „Sorgst du auch gut für sie?“ „Aber ja doch!“, lautete die Antwort. Am nächsten Tag stand der Waschbär schon wieder da: „Du sollst das Usambaraveilchen nicht so der prallen Sonne aussetzen!“ „Gut, ich pflanze es mehr in den Halbschatten“, sagte der Dachs. In den folgenden Wochen kam der Waschbär jeden Tag vorbei und gab gute Ratschläge, was der Dachs alles tun müsse, damit das Usambaraveilchen gut gedeiht.

Der Dachs gab sein Bestes, alle Ratschläge zu befolgen. Mal sollte er mehr Wasser geben, mal weniger. Mal hatte es nicht genug Licht, mal zu wenig. Mal sollte der Dachs von oben gießen, mal von unten. Alsbald war er nur noch mit dem geschenkten Usambaraveilchen beschäftigt. Er tat alles, damit es dem Pflänzchen gut ging. Doch eines Tages ließ das Usambaraveilchen die Blätter hängen. „Was hast du gemacht?“, fragte der Waschbär entsetzt. „Gar nichts - und eigentlich alles!“, sagte der Dachs traurig. „Ehrlich, ich hab‘ alles genau so gemacht, wie du gesagt hast! Und doch ist das Usambaraveilchen jetzt traurig, wie es scheint.“

Kopfschüttelnd drehte der Waschbär sich um und ging davon.

Verzweifelt sah der Dachs das Usambaraveilchen an. „Was mach‘ ich nur mit dir?“, fragte er. Doch dann hatte er eine Idee. Er würde Oma Dachs fragen! Die weiß bestimmt Rat! Doch Oma Dachs wusste zunächst auch nicht weiter. „Hol mal einen neuen Topf!“, sagte sie dann, „vielleicht hat sie nicht genug Platz.“ Der Dachs holte einen neuen Topf. „Und jetzt hol frische Erde!“, sagt Oma Dachs, während sie das Usambaraveilchen behutsam aus dem Topf holte. „O je! Das ist doch viel zu nass!“, rief Oma Dachs. „Hol schöne trockene Erde!“ Der Dachs beeilte sich. Oma Dachs gab ein wenig Erde in den Topf, dann das Usambaraveilchen – oder was von ihm übrig war – und verteilte den Rest der Erde drum herum. Als der Dachs Wasser holen wollte, sagte sie „Nein! Es hat erst mal genug!“ „Warum lässt es immer noch die Blätter hängen?“, fragt der Dachs. „Weiß nicht“, sagte Oma Dachs, „wir werden sehen.“ Am nächsten Tag ließ das Usambaraveilchen die Blätter immer noch hängen. Traurig ging der Dachs wieder nach Hause.

Doch als er zwei Wochen später wieder bei Oma Dachs vorbeischaute, da hatte das  Usambaraveilchen wieder Farbe gewonnen. Und bald strahlte es wieder. „Was habe ich denn falsch gemacht?“, wollte der Dachs wissen. „Gar nichts!“, sagte Oma Dachs. Du hast - dem Waschbären zuliebe - von allem ein bisschen zu viel gegeben… Das war dann einfach zu viel für das Usambaraveilchen.

„Ja, aber der Waschbär hat das so gesagt. Er hatte es mir doch geschenkt“, sagte der Dachs nachdenklich. Da schaute Oma Dachs den Dachs ganz lange an. Dann sagte sie: „Weißt du was, vielleicht weiß der Waschbär auch nicht, wie man mit einem  Usambaraveilchen umgeht… Und außerdem: Manchmal müssen auch Pflanzen mal ausruhen“, sagte Oma Dachs und rollte sich zusammen für ihr Mittagsschläfchen.

Lieve Van den Ameele

Fabel: Die mürrische Fledermaus

Lieve Van den Ameele

Fabeln sind auf den ersten Blick unverdächtige Geschichten, die überall passieren können. Wer genau hinschaut, sieht in den tierischen Dialogen das wirkliche Leben sich spiegeln - und erkennt eine pädogische Absicht.

Zu später Stunde waren um die Martinskirche herum einige Tiere zu Besuch. Es trafen sich Igel, Fledermaus, Katze und Nachtigall. Alle vier waren guter Dinge, und der Igel schlug vor, dass es doch schön sei, gemeinsam etwas zu unternehmen. Die anderen Tiere stimmten dem Igel zu. Also überlegten sie sich, was sie tun könnten.

Die Katze schlug vor, gemeinsam eine gemütliche Runde durch den Garten zu spazieren. Die Nachtigall war erfreut und bot an, den Spaziergang musikalisch zu begleiten. Der Igel stimmte ebenfalls ein, doch dann übertönte die mürrische Stimme der Fledermaus alles. Sie sagte: „Was soll das denn sein? Ein gemütlicher Spaziergang durch den Garten der Martinskirche mit dem Gesang von einer Nachtigall? Ich habe eine bessere Idee! Wir machen ein Wettrennen durch den Garten! Wir starten gleich hier am Haupteingang. Wer es schafft, zuerst wieder hier zu sein, hat gewonnen!“

Igel, Katze und Nachtigall schauten sich verwundert an. Der Igel sagte: „Liebe Fledermaus, wir sind alle unterschiedlich, und wir anderen wollen kein Wettrennen, sondern ein gemütliches Beisammensein.“ Die Katze fügte hinzu, dem Gesang der Nachtigall zuzuhören, sei ihr Traum, erst recht, wenn sie ihre Stimme exklusiv im kleinen Kreis erklingen lasse.

Doch wieder ertönte die mürrische Stimme der Fledermaus: „Ich habe euch doch gerade erklärt, dass ich ein Wettrennen möchte, und ich fange damit auch als erstes an! Gut, wir sind alle unterschiedlich, das stimmt, aber dann kann jeder von uns alleine eine Runde um die Kirche drehen, und einer stoppt die Zeit, dann sehen wir ja, wer am schnellsten ist!“

Die Fledermaus erschrak über sich selbst. Eigentlich wollte sie gar nicht so mürrisch sein und hätte sich am liebsten den Mund zugehalten. Aber es war schon zu spät. Der Igel, die Katze und die Nachtigall waren plötzlich sehr traurig, denn so hatte ihnen das Beisammensein keine Freude gemacht.

Die Fledermaus merkte, dass sie sich danebenbenommen hatte, und wollte die drei anderen überreden, doch zu bleiben. Eigentlich wollte sie sagen: „Geht nicht weg, lasst uns zusammen spazieren und dem Gesang der Nachtigall lauschen!“ Doch die mürrische Stimme setzte sich wieder durch. Den anderen schrie sie hinterher: „Dann geht doch, ich kann auch alleine sein!“ Die Fledermaus war von sich selbst sehr befremdet, aber es half nicht mehr, sich auf die Zähne zu beißen. Die anderen Tiere wandten sich ab. Die Fledermaus fragte sich, warum das, was sie eigentlich sagen wollte, aus ihrem Mund ganz anders klang.

Da erhielt sie Besuch vom Uhu. Er setzte sich neben sie und fragte: „Was ist denn mit dir los?“ Die Fledermaus sagte: „Mir scheint, als könne ich zu den anderen Tieren nichts Nettes mehr sagen.“ Der Uhu antwortete: „Ich glaube, du kannst diese schrecklich mürrische Stimme vertreiben, indem du dich entschuldigst.“ Die Fledermaus fing an zu weinen.

Da machte sich der Uhu auf den Weg, um die anderen Tiere einzuholen. Er sprach mit ihnen und erzählte, wie erschrocken die Fledermaus über sich sei, und dass sie eigentlich etwas ganz anderes habe sagen wollen. Der Igel, die Katze und die Nachtigall kamen ins Grübeln. Die Nachtigall sagte: „Die Fledermaus scheint in Not zu sein. Kommt, lasst uns zu ihr gehen, um mit ihr zu sprechen“.

Also zogen die Tiere wieder los in den Kirchgarten. Schon von weitem hörten sie die Fledermaus weinen. Die Nachtigall sang ihr schönstes Lied, um sie zu trösten. Als die Fledermaus sich beruhigt hatte, sagte sie mit leiser, zaghafter Stimme: „Es tut mir Leid, dass ich so gemein zu euch war!“ In diesem Moment wunderte sich die Fledermaus, dass sich ihre Stimme verändert hatte. Sie klang auf einmal nicht mehr mürrisch, sondern freundlich.

Alle Tiere lauschten weiterhin dem Gesang der Nachtigall und spazierten gemeinsam durch den Garten. Bevor dann jedes seiner Wege ging, verabredeten sie sich für ein neues Treffen im Kirchgarten. Dann wollten sie gemeinsam überlegen, was sie unternehmen könnten.

Stefanie Klaes

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