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Runfried Schuster erzählt im Förderverein Kaier-Wilhelm-Kirche

Aus seinen Dienstjahren im Nassauer Land erzählte der Pfarrer im Ruhestand eigene Erlebnisse sowie Ergebnisse seiner Recherchen in den Chroniken. Der Förderverein zur Renovierung der Kaiser-Wilhelm-Kirche hatte zu der Veranstaltung eingeladen.

Runfried Schuster (oben im Bild mit seiner Frau, auf der Leinwand ein Hochzeitsfoto der beiden) lebt als Pfarrer im Ruhestand in Bad Ems, wo er auch herstammt. Einen Großteil seiner Dienstjahre hat er im Nassauer Land verbracht, nämlich in den Gemeinden Niedershausen und Obershausen im Kallenbachtal, einem rechten Seitental der Lahn. In seiner pastoralen Tätigkeit lagen ihm die Menschen am Herzen, die ihm im Lauf der Zeit begegnet sind. Nicht nur ihre Biographien und Geschichten hat er mit dem ihm eigenen historischen Interesse aufgenommen, sondern auch die Zusammenhänge, in denen sie lebten. Am 13. Juni erzählte er aus den Erinnerungen, die mit „seinem“ Kirchspiel verbunden sind. Sein Vortrag im Rahmen der Veranstaltungen des Fördervereins zur Renovierung der Kaiser-Wilhelm-Kirche war eigentlich schon für den März 2020 geplant, musste aber wegen der Pandemie verschoben werden. Im Folgenden geben wir einen Auszug wieder. 

In Niedershausen fand Schuster eine Orgel vom Emser Orgelbauer Ernst Christian Schöler vor, die 1811 gebaut worden ist, drei Jahre nach der Einweihung der Kirche. Der Meister hatte seine Werkstatt vis-à-vis des Bad Emser Kursaales im früheren Haus „Zum Rosengarten“. Er pflegte dort nur eine Orgel pro Jahr zu bauen. Das mit 689 Pfeifen und 12 Registern versehene Instrument erinnerte den Pfarrer immer wieder an seine Heimatstadt.

Bemerkenswert war auch der Taufstein der Kirche aus Gaudernbacher Marmor. Er stammte aus der Frankfurter Paulskirche, wo er nach deren Umwidmung zur nationalen Gedenkstätte frei geworden war.

Von der sehr viel älteren Vorgängerin der Kirche war eine bronzene Glocke aus dem Jahr 1475 erhalten. Während des Ersten Weltkriegs wurde sie zur Einschmelzung abgeholt, ist jedoch auf dem Weg verschollen. Wie sich herausstellte, war sie in der Nachbargemeinde in den Turm der Grundschule gehängt worden. Später erhielt sie einen neuen Platz auf dem Friedhof. Die Rückführung erwies sich für Schuster und den Kirchenvorstand als schwierig. Die neuen Besitzer konnten sich auf das Gewohnheitsrecht berufen und darauf, dass die Sache verjährt sei. Der Magistrat erteilte eine Absage, und das Klima zwischen den streitenden Kirchspielen erhitzte sich. Etwa zehn Jahre später hatte sich ein neuer Geist durchgesetzt, sodass am Ende die Niedershäuser Gemeinde ihr ältestes Kulturstück zurück erhielt. Man hatte einen guten Kompromiss gefunden: Für die auswärtige Gemeinde wurde auf Rechnung der Niedershäuser eine neue Glocke gegossen, und im Gegenzug kam die alte, historische Glocke zurück.

Im Mittelpunkt einer weiteren Geschichte steht ein Löhnberger Hüttenverwalter. Löhnberg gehörte damals zu Nassau-Weilburg und war konfessionell lutherisch, Niedershausen und Obershausen gehörten zu Nassau-Oranien und waren damit reformiert. Obwohl selber lutherischer Konfession, ließ der Hüttenverwalter sich mit seinem Sohn vom reformierten Pfarrer in Niedershausen Unterricht erteilen. Zwischen den beiden entwickelte sich dabei offenbar ein Freundschafts- und Vertrauensverhältnis. Alles ging recht gut, bis der Hüttenverwalter und seine Frau eine folgenschwere Entscheidung trafen: Nicht der eigentlich zuständige Löhnberger Pfarrer, sondern der befreundete Niedershäuser sollte ihn zu Grabe geleiten, was den Löhnberger auf die Palme brachte. Nach Absprache mit der Witwe wurde die für den Abend in Niedershausen geplante Beerdigung  auf den Vormittag verlegt, einmal, weil die Leiche aus der Lade bereits „stark roch und das Wasser aus der Lade lief“, aber auch, um zu verhindern, dass die Löhnberger sich noch vorzeitig einschalten konnten. Das Vorhaben war jedoch nicht geheim geblieben, und beim Start des Leichenzuges überfielen Löhnberger Gemeindeglieder mit Steinen und Säcken bewaffnet die Niedershäuser, die ihrerseits nur Gesangbücher mit sich führten. Sie entwendeten den Leichnam und bestatteten ihn auf dem Löhnberger Friedhof. Über zwanzig Verletzte gab es auf Niedershäuser Seite zu beklagen.

Doch der Niedershäuser Pfarrer ließ die Dinge nicht auf sich beruhen und gab eine Beschwerde auf dem Dienstweg nach oben - mit dem Ergebnis, dass sehr bald ein Kommando von Dillenburg kam, 200 Mann stark, die in Löhnberg das verschlossene Tor des Fleckens aufbrachen und dann „mit Trommelschlag und Pfeiffen und scharf geladenem Gewehr“ auf den Kirchhof zogen, den Leichnam ausgraben ließen, ihn auf einen Karren luden und mit nach Niedershausen nahmen, wo er in der Kirche begraben wurde.

Aber auch die triumphierenden Niedershäuser kamen nicht ungeschoren davon. Die insgesamt bald 1000 Leute - Soldaten, Beamte und andere - waren bei der Rückkehr ins Dorf hungrig und durstig und mussten unentgeltlich verköstigt werden - ein Ereignis, an das man sich sicher mit gemischten Gefühlen noch lange erinnert haben wird.

Das alles wurde später bei der 700-Jahr Feier des Ortes in einem Volkstheater-Stück ins Bild gesetzt und von Niedershäuser und Löhnberger Laienschauspielern auf die Bühne gebracht. Aber bereits 59 Jahre später, im Jahre 1817, waren die konfessionellen Gegensätze zwischen dem reformierten Niedershausen und dem lutherischen Löhnberg so weit überwunden, dass man den Zusammenschluss der beiden protestantischen Konfessionen im Herzogtum Nassau zu einer unierten Gemeinde gut hieß und in einem feierlichen Gottesdienst am 300. Jahrestag der Reformation besiegelte.

Auch auf seltsame Vorgänger stieß Runfried Schuster bei seinen Forschungen. Einer von ihnen hatte sich ein Fahrrad mit „Hund-Bedienung“ konstruiert, ein Dreirad, das durch einen Hund in Bewegung gehalten wurde. Der Kollege war offenbar auch sonst sehr praktisch veranlagt: Er war ein Fotograf, konnte mauern und schreinern sowie Bilder einrahmen und einiges mehr. Sein unmittelbarer Vorgesetzter wollte ihm das Hunderad verbieten, aber der noch höhere Vorgesetzte erlaubte es ihm. Im Übrigen war er sozial eingestellt, erkannte die Not der vernachlässigten Dorf-Kinder, wenn die Eltern auf dem Feld waren, und wollte durch die Gründung einer Kleinkinder-Schule - man schrieb das Jahr 1897! - Abhilfe schaffen.

Tatkräftig unterstützt wurde Schuster bei seinem Vortrag durch seine Frau. 

Redaktion: Wilfried Steller


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