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Nicht die Vernichtung des Feindes ist das Ziel, sondern gerechter Friede

Auch wenn er in diesen Tagen gerne verteufelt wird, hat der Pazifismus noch etwas zu sagen, denn nicht die Vernichtung des Feindes kann das Ziel des Krieges sein, vielmehr geht es um eine neue, gerechte Friedensordnung.

Auf den ersten Blick liegt die Sache klar: Wenn auf der Straße ein Aggressor ein hilfloses Opfer überfällt und ihm Leid zufügt, hat dieses ein Recht auf Notwehr, und Passanten haben die Pflicht zur Nothilfe. Es gilt, den Täter davon abzubringen, sein Opfer weiter zu drangsalieren, notfalls auch mit Gewalt. Wer hilft, muss nicht die eigene Unversehrtheit riskieren. So weit, so einleuchtend.

Allerdings sind diejenigen, die Gewalt gegen den Angreifer einsetzen, an die Verhältnismäßigkeit der Mittel und Folgen gebunden. Es geht, wie der Begriff schon sagt, nur um die Abwehr einer Not. Unverhältnismäßig wäre es, den bereits überwältigten Täter zu misshandeln oder gar zu töten.

Übertragen wir diese Erkenntnisse auf den russischen Einmarsch in die Ukraine, ist das Recht auf Selbstverteidigung klar auf Seiten der Opfer, und wer Kenntnis von völkerrechtswidrigem Handeln erlangt, ist zur Nothilfe verpflichtet, die alles umfasst, was geeignet ist, den Angreifer zur Aufgabe zu bringen.

Wenn dies so klar auf der Hand liegt, braucht es dann nur ein wenig (mehr) Entschlossenheit und ein konzertiertes Handeln, um viele weitere Tote und Verletzte zu verhindern und die Lage in den Griff zu kriegen?

So einfach ist es leider nicht, denn Krieg ist ein Spiel mit dem Feuer, Krieg ist Chaos - militärisch, politisch und nicht zuletzt ethisch. Das Recht des Stärkeren streitet mit dem Völkerrecht, und der Vernichtungswille siegt über die Wahrung der Verhältnismäßigkeit. Zwei politisch-kulturelle Denksysteme kommen zu geradezu gegensätzlichen Einschätzungen dessen, was in der Ukraine geschieht.

Ethisch konkurrieren hohe Ziele miteinander: Rechtfertigt die Wahrung der nationalen Identität, der Freiheit und der Demokratie jedes menschliche Opfer und jede Zerstörung? Oder sollten um der Wahrung des Lebens willen die Kampfhandlungen beigelegt und Verluste an Territorium und Ehre, zumindest partiell auch an Freiheit und Selbstbestimmung, hingenommen werden? Darf der Aggressor am Ende Erfolg haben und sich nehmen, was er will? Würde ihn das nicht ermutigen, weitere Überfälle zu unternehmen? Muss ihm also unter allen Umständen das Handwerk gelegt werden? Welcher Preis auch außerhalb der Ukraine ist akzeptabel, um den Krieg zu beenden? Und überhaupt: Mit welchen Mitteln ist ein Aggressor einhegbar, der mit seinem unbedingten Durchsetzungswillen die bestehenden Werte und Ordnungen mit Füßen tritt und über ein hochgefährliches Arsenal an taktischen und strategischen Atomwaffen verfügt, ohne ein Fünkchen Empathie zu zeigen? Riskiert, wer nicht das Ende mit Schrecken will, den Schrecken ohne Ende?

Für die „Passanten“ liegen diplomatische und humanitäre Hilfe auf der Hand wie in der Erzählung vom barmherzigen Samaritaner. Aber es muss ja mehr geschehen, als die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Dem Unrecht in die Speichen zu fallen, ist jedoch leichter gesagt als getan, wenn man keine Polizei rufen kann. Wir kennen die Fälle, in denen die in eine Auseinandersetzung eingreifenden Zeugen am Ende selbst stark in Mitleidenschaft gezogen oder gar tot gewesen sind.

Es geht hier nicht um die Frage, ob die Rettung der Ukraine solchen Einsatz wert ist oder nicht, es geht vielmehr um die Frage, ob nicht ein weiter ausufernder Krieg alle Gerechtigkeit und alle ehrenhaften Absichten völlig zunichte macht. Wir müssen also im Blick behalten, dass wir eines Tages eine lebbare Nachkriegsordnung brauchen, wenn wir nicht für die nächsten Jahrzehnte in der Blockbildung verhaftet bleiben wollen - was wir uns angesichts gemeinsamer globaler Herausforderungen wie der Klimakrise gar nicht leisten dürfen. So fremd der Gedanke heute noch klingt, aber ohne ein gewisses Maß an Versöhnung, zumindest an Koexistenz, wird es nicht gehen. Selbst wenn man trotz der Gegenwart von Massenvernichtungswaffen den Standpunkt vertritt, ein Krieg könne „gerecht“ sein, darf er doch nur der Wiederherstellung einer gerechten Ordnung dienen, sein Ziel darf keinesfalls die Vernichtung des Feindes, sondern nur die bessere Friedensordnung mit dem Gegner sein, und der Schaden darf nicht größer sein als der Wert der Güter, um die gestritten wird.

Wir erkennen hier deutlich das Prinzip der Verhältnismäßigkeit wieder. Die Zögerlichkeit in Europa ist in diesen Tagen zugleich ein Versagen wie auch ein Gebot der Stunde, weil man in dem furchtbaren Schachspiel jederzeit nicht nur mit Überraschungen rechnen muss, sondern auch mit regelwidrigen Zügen, die nie und nimmer zurückgenommen werden. Schuld auf sich zu laden, ist dabei unvermeidlich, denn egal, ob man nichts tut oder viel: Alles kann sich als verkehrt erweisen und zur Katastrophe entwickeln, und das Maß an Vernichtung übersteigt schon jetzt alle Vorstellungen.

Die Kirche beschäftigt sich von Haus aus mit den religiös-ethischen Fragen des Krieges. Es gilt wie überall die hohe Messlatte der Bergpredigt (Matthäus 5 und 6): Nicht erst, wer tötet, verletzt den Willen Gottes, sondern schon, wer in seinem Herzen einen Groll gegen den anderen hegt! Falsch ist es, dem Bösen zu widerstreben, vielmehr gilt: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel!“ Das mündet in die ultimative Forderung: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“

Jesus weiß natürlich, dass die Welt nicht so ist, wie sie nach dem Willen Gottes sein soll und im Reich Gottes auch sein wird. Der radikale christliche Pazifismus, der „Schwerter zu Pflugscharen“ umschmieden will und Frieden schaffen ohne Waffen, ist dennoch alles andere als widerlegt, sondern aller Ehren wert, denn er sieht sehr genau, dass in dem Moment, wo Gewalt und Waffen ins Spiel kommen, das einseitige Recht des Stärkeren gilt und jedwede Gerechtigkeit und Ethik zusammen mit Menschenleben, Kultur und langer Aufbauleistung zertreten werden. Zu diesem Paradigmenwechsel darf es in der Tat gar nicht erst kommen, denn Konflikte sind nachhaltig nur durch Verhandlungen und Kommunikation zu lösen. Als Konsequenz aus den Weltkriegen hat der Weltrat der Kirchen 1948 in Amsterdam formuliert: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Die Rolle, die der Krieg heute im internationalen Leben spielt, ist Sünde wider Gott und eine Entwürdigung des Menschen.“

Christlicher Pazifismus setzt ausdrücklich da an, wo ein Konflikt droht, indem er mahnt: Hüte dich, der Versuchung zu erliegen, zur Durchsetzung deiner Interessen zu den Waffen zu greifen, denn damit machst du alles kaputt, was uns verbindet! Keine überzeugende Lösung hat der Pazifismus jedoch für den vorliegenden Fall, dass die gewalttätige Auseinandersetzung schon im Gang ist. Hier einfach die schönen Friedens-Parolen zu wiederholen, mag man als zynisch gegenüber den Opfern und verantwortungslos gegenüber ganz Europa brandmarken, es offenbart auch unsere tatsächliche Hilflosigkeit bei dem Bemühen, gewaltsame Konflikte zu einem guten Ende zu bringen. Gut gemeint ist der Pazifismus also allemal, aber in seiner Radikalität kommt er zu spät und hat sich im Ukraine-Krieg längst obsolet gemacht.

Jesus formuliert in der Bergpredigt keine allgemein gültige Anweisung für das Zusammenleben, weder eine allgemeine für die Politik noch eine nur für das Privatleben, sondern einen ethischen Maßstab, an dem jede und jeder sich und andere messen soll, ja, muss. Die Frucht dieser Überlegung ist eine fünffache: 1. Das Leben ist noch viel verletzlicher, als mir bewusst war. 2. Achtsamkeit im Denken und Handeln ist daher für mich das Gebot schlechthin. 3. Diese Achtsamkeit muss auch politisch-gesellschaftlich eingefordert werden, um gemeinsame Herausforderungen wie die Erderwärmung und Spannungen zwischen Nationen und Religionen einer Lösung zuzuführen, bevor sie eskalieren. 4. Wie ich es auch drehe und wende: Ich bin nicht in der Lage, in vollem Umfang nach Gottes Willen zu leben, und werde daher die Hürde auf jeden Fall reißen. 5. Aber ich darf deswegen nicht fünf gerade sein lassen, sondern muss mich weiterhin bemühen, gleichsam so hoch als möglich zu springen.

Denkt man dazu noch an die Seligpreisung derer, die Frieden schaffen, und an die Mahnung des Paulus (Römer 12,21): „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, werden wir uns als Christen und Christinnen zumindest schwertun mit der Kriegslogik und dem ihr innewohnenden Zwang, den Krieg unbedingt gewinnen zu müssen, damit die Gerechtigkeit siegt und der Aggressor vernichtet ist. Kommen wir vom Evangelium her, kann Gewalt immer nur ein begrenztes und ausnahmsweise genutztes Mittel sein, mit dem man auf jeden Fall Schuld auf sich lädt. In diesem Sinne ist auf der einen Seite der Beistand gegenüber den Bedrängten eine Pflicht der Nächstenliebe, aber das Ziel dieses Engagements kann nur ein gerechter Friede sein. Es muss also letztlich darum gehen, den Krieg zu bändigen und aus dem Kreislauf der Gewalt wieder herauszukommen, vor allem natürlich, um Menschenleben und Schöpfung zu schonen, aber auch, um wieder zu einem vernünftigen Nebeneinander, möglichst auch zu einem Miteinander zu gelangen. Dafür lohnt es zu beten.

Wilfried Steller

 


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