Menu
Menü
X

Sterbebegleitung

Letzte-Hilfe-Kurse vermitteln Grundwissen

Junge Hand hält die Hand einer älteren Frau

Der Pflegenotstand in Deutschland wird zur Herausforderung.

Überall in Deutschland werden mittlerweile Letzte-Hilfe-Kurse angeboten. Die Idee: Ebenso wie bei der Ersten Hilfe könnte jeder auch Letzte Hilfe leisten. Denn am Lebensende geht es oft nur um wenige, einfache Dinge.

Von Stefanie Walter

Herta Glawion war schon oft bei Menschen, die im Sterben liegen. „Sterbende brauchen einfach einen Kontakt und eine Anwesenheit“, sagt die ehrenamtliche Hospizbegleiterin in Gießen. Viel müsse man gar nicht tun: vielleicht die Hand halten, auf die Atemzüge hören, dabei sitzen. Viele Menschen haben Angst, einen Angehörigen oder Freund beim Sterben zu begleiten. Jetzt gibt es eine neue Idee, um diese Ängste zu mindern: Letzte-Hilfe-Kurse, die Grundwissen für die Begleitung Sterbender vermitteln. Das Projekt zieht schnell Kreise.

Jeder kann Letzte Hilfe leisten

Erfinder ist der Arzt und Forscher Georg Bollig, der das Konzept erstmals in einer Masterarbeit an der Universität Klagenfurt formulierte. Er habe als Notarzt, Anästhesist und Rettungsassistent gearbeitet und ein Buch über Erste Hilfe geschrieben, berichtet Bollig im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Als junger Arzt war er in den USA in einem Emergency Room, einer Notaufnahme: „Da habe ich gelernt, dass man Sachen kürzer machen kann.“ Er übersetzte die Idee der Ersten Hilfe, die das Überleben bei akuter Verletzung sichern soll, auf den Sterbeprozess: Jeder kann Erste Hilfe, und jeder kann Letzte Hilfe leisten, wenn ein Leben nicht mehr zu retten ist. Das Ziel: Leiden lindern.

Kurse boomen

Kursinhalt sind vier kurze Einheiten. Es geht zunächst allgemein um das Thema Tod, in einem zweiten Teil um die Vorsorge, etwa Patientenverfügungen, dann um „Leiden lindern“ und schließlich „Abschied nehmen“. Die Internetseite des Projekts zeigt, dass bundesweit täglich mehrere Kurse stattfinden; oft sind sie schon ausgebucht. Die Kurse boomen. Anbieter sind unter anderem Hospizvereine, Kirchengemeinden, ambulante Dienste, Volkshochschulen oder Seniorenheime.

Auch für den ersten Kurs des Gießener Hospizvereins im kommenden Februar gibt es keine Plätze mehr, zu einer Auftaktveranstaltung kamen mehr als hundert Leute. Es sei wichtig, „dass die Unsicherheit wegfällt“, erklärt der Arzt Winfried Hoerster, einer der Trainer im Gießener Team. Die Teilnehmer lernten, „dass man dem Sterbenden helfen kann, ohne etwas falsch zu machen.“

Praktische Übungen gehören dazu

Deshalb gehören auch praktische Übungen dazu. Koordinatorin Marion Lücke-Schmidt holt ein Plastikstäbchen mit einem pinkfarbenen Stück Schaumstoff hervor. Damit können Angehörige den Mund des Schwerkranken befeuchten. Sterbende atmeten oft durch den Mund, weshalb die Schleimhäute austrocknen, erklärt Hoerster. Man kann auch mit kleinen Eisstückchen aus Wein, Kaffee, Whiskey oder Orangensaft die Schleimhäute benetzen.

Am Lebensende gehe es meist nur um wenige, einfache Dinge. „Das Schlimmste, was man machen kann, ist abhauen“, sagt der Schmerztherapeut Hoerster. „Dabeisein ist das Entscheidende.“ Alles andere variiere: frische Luft, schöne Musik, ein Duft. Essen und Trinken spielten häufig keine Rolle mehr, denn alle Prozesse werden langsamer, erklärt Lücke-Schmidt.

Rund 20.000 Bürger haben sich nach Angaben Bolligs seit 2015 bundesweit in Letzte-Hilfe-Kursen schulen lassen. Sie werden auch in anderen europäischen Ländern angeboten, doch Deutschland sei das Kernland, berichtet Bollig, der in Deutschland und Dänemark arbeitet. Er will die Erkenntnisse aus den Kursen wissenschaftlich aufarbeiten und probiert auch Pilotkurse für Kinder und Jugendliche aus. 

Befragungen zeigten, dass die jungen Teilnehmer größtenteils schon Erfahrungen mit Tod und Sterben hatten. Viele Eltern wollten ihre Kinder nicht mit dem Tod konfrontieren. Aber man könne sie nicht davor schützen. „Es macht keinen Sinn, das zu verstecken“, sagt Bollig.

Letzte Dinge regeln

„Ich habe die Sterbephase immer als friedlich erlebt“, erzählt Hospizhelferin Herta Glawion. Doch von einer Krankenschwester habe sie gehört, dass manchmal Menschen sehr kämpften. „Die haben vielleicht noch was zu erledigen.“ Letzte Dinge rechtzeitig regeln - auch das wird in den Kursen besprochen.

© epd: epd-Nachrichten sind urheberrechtlich geschützt. Sie dienen hier ausschließlich der persönlichen Information. Jede weitergehende Nutzung, insbesondere ihre Vervielfältigung, Veröffentlichung oder Speicherung in Datenbanken sowie jegliche gewerbliche Nutzung oder Weitergabe an Dritte ist nicht gestattet.


top