Menu
Menü
X

Die Anrede macht die Atmosphäre

"Liebe Gemeinde" heißt es zu Beginn der Predigt. Ist die Gemeinde wirklich "lieb" - oder soll sie es durch die Predigt werden? Zur Funktion einer Anrede gehört es, eine Sphäre der Kommunikation zu schaffen. Die Anrede „Liebe Gemeinde“ in der Predigt eröffnet daher einen Raum der Liebe.

„Hallo“, „Guten Tag“, „Hi“ - in Briefen und E-Mails wird man häufig wie bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße angesprochen. Das soll frisch und direkt wirken, um gleich auf den Punkt kommen zu können. Ohne den dazugehörigen Gesichtsausdruck und den Ton in der Stimme „klingen“ solche Anreden im Schriftdeutsch missverständlich. Will mein Gegenüber im Unverbindlichen bleiben oder mit der Tür ins Haus fallen? Die klassischen Briefanreden signalisieren, welche Beziehung zwischen Verfasser:in und Adressat:in (gerade) besteht, und ersetzen auf diese Weise die fehlende Mimik und den Ton der Stimme.

„Sehr geehrte Damen und Herren“ redet man an, wenn man sein Gegenüber in einer Firma oder Behörde nicht mit Namen kennt und gleichzeitig eine Mischung aus Vorsicht, Achtung und Abstandswahrung zum Ausdruck bringen möchte. Die „sehr geehrte Frau Kunze“ ist in eben diesem Sinn die namentlich bekannte Person, mit der ein sachliches und distanziertes Miteinander entweder durch die Natur der Sache geboten oder auf jeden Fall gewahrt werden soll. Als eher vertraulich gilt demgegenüber die Anrede „Liebe Frau Kunze“, die eine gewisse Kenntnis und Wertschätzung der Person impliziert, jedoch die Höflichkeit wahrt. „Liebe Helga“ sagt man zu einer Freundin, die man auch aus anderen Zusammenhängen persönlich gut kennt und schätzt. Den Spagat, einen Freund in offizieller Funktion anzusprechen, schafft man mit dem Ungetüm: „Sehr geehrter Herr Abgeordneter, lieber Peter“. Im vertrauten Miteinander, das weder allzu förmlich sein will noch voraussetzt, dass man schon mal ein Bier miteinander getrunken hat, kann man den „lieben Herbert Schmidt“ ansprechen. Mit solchen Formen der Anrede lassen sich Abstand und Nähe gut differenzieren sowie je nach Bedarf eher die Funktion oder die Person in den Mittelpunkt rücken.

Manipulation nicht ausgeschlossen

 

Firmen nehmen sich zunehmend heraus, diese Konventionen zu durchbrechen, indem sie den „lieben Hans“ adressieren oder ihn gar von der Seite anquatschen mit „Hallo Hans“. Das will persönliche Kundennähe suggerieren und den Angesprochenen animieren, die natürliche Zurückhaltung gegenüber einer Firma, die etwas verkaufen will, auszublenden und sich in der Kommunikation wie unter Freunden zu fühlen - und Freunden tut man ja auch mal einen Gefallen.

Natürlich ist die in Anspruch genommene Nähe unecht, und eine derart vertrauliche Anrede kann aus guten Gründen als übergriffig empfunden werden. Dass Geschäftsbeziehungen nichts mit Freundschaft oder Vertrautheit zu tun haben, merkt man aber spätestens, wenn man seine Rechnung nicht bezahlt hat: Dann wird der „sehr geehrte Herr Hinz“ „mit vorzüglicher Hochachtung“ gegrüßt, was an Geringschätzung nur durch explizite Unhöflichkeit zu überbieten ist.

Ist die Gemeinde wirklich lieb, wenn sie mit „Liebe Gemeinde“ angesprochen wird?

Eine Predigt beginnt in der Regel mit der Anrede „Liebe Gemeinde!“ Dabei ist der Einzelne nicht für sich allein, sondern ausdrücklich als Teil der Gemeinschaft angesprochen. Die im Gottesdienst Versammelten repräsentieren die Gemeinde, das heißt einerseits die konkrete Gemeinde der Kirchenmitglieder vor Ort, andererseits die (weltweite) Gemeinde Jesu Christi. „Lieb“ und wohlwollend ist diese Gemeinde nicht unbedingt, sie kann ebenso auch widerspenstig sein, distanziert, abwartend oder anderes mehr, und natürlich können auch die Einzelnen unterschiedliche Haltungen gegenüber der Predigtperson einnehmen. Als „liebe Gemeinde“ angesprochen zu werden, geht daher allermeist an dem Gemisch aus unterschiedlichen Gefühlen zwischen Versammelten und Predigtperson vorbei.Dennoch ist die Anrede „Liebe Gemeinde“ nicht übergriffig oder unangemessen. Zur Funktion einer Anrede gehört es, eine Sphäre der Kommunikation zu schaffen. Diese kann, wie wir gesehen haben, durch bloße Sachlichkeit und Funktionalität geprägt sein, aber auch durch persönliche Nähe und Beziehungen. Entscheidend ist, dass die durch die Anrede eröffnete Sphäre dann auch durchgehalten wird: Die „sehr geehrte Frau Schulz“ darf nicht beleidigt, die „liebe Renate“ nicht über den Tisch gezogen werden. Und die „liebe Gemeinde“ muss jetzt nicht „lieb“ sein, aber spüren, dass sie in ihrer Gesamtheit wie in ihrer individuellen Vielfalt tatsächlich wertgeschätzt, ja geliebt wird - in erster Linie von Gott und in zweiter dann auch von der Predigerin oder dem Prediger.Die Anrede „Liebe Gemeinde“ in der Predigt eröffnet also einen Raum der Liebe: Darin findet zunächst der Prediger selbst seinen Ton. Er bleibt unter allen Umständen bei seinen Leuten, auch wenn es dies und das zu monieren oder zu kultivieren gibt. Mit einer Publikumsbeschimpfung würde er dagegen den Raum der Liebe verlassen; sie wäre kontraproduktiv.

Die Gemeinde wird nicht darauf festgelegt, sich „lieb“ zu verhalten, vielmehr findet sie sich in Gottes Liebe eingehüllt, um dann auch selbst in ihr zu leben und sich an ihr auszurichten. Das heißt nicht, dass in der Predigt kritische Töne außen vor bleiben müssten, aber wenn sie im Raum der Liebe ausgesprochen werden, wird ihnen der Stachel gezogen, mit dem sie verletzen oder gar vertreiben können.

Gott sind alle Menschen lieb, auch wenn sie Kritik verdienen

Das Muster für die charakteristische Anrede an die „liebe Gemeinde“ findet sich in der griechischen Bibel. Dort heißt es im 1. Johannesbrief 4: „Ihr Geliebten, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott.“ Die Liebe ist die Art, wie Gott den Menschen begegnet; jeder und jede ist von Gott geliebt, ganz unabhängig von seiner Einstellung oder ihrem Verhalten. Die Liebe ist daher das Charakteristikum der christlichen Gemeinschaft, das Erkennungszeichen untereinander.

Der „Kanzelgruß“ (2. Korinther 13,13) am Ende der Predigt greift den Liebesgedanken noch einmal umfassend auf: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ Der Apostel Paulus hat vorher Tacheles mit der Gemeinde in Korinth geredet, sie macht ihm viel zu schaffen, und das über Jahre. Auch wenn es für ihn manches an deren Glaubens- und Lebenshaltung zu kritisieren gibt, hat das mitnichten zur Folge, dass er sich persönlich von ihr abwendet. Im Gegenteil: Er spricht ihnen abschließend Gottes umfassenden Segen zu. In der Sache hat er sich zwar distanziert, aber keinesfalls in der Person. Mit seiner Kritik zeigt er vielmehr, dass ihm viel zu viel an seinen Gesprächspartnern liegt, als dass er sie einfach sich selbst überlassen könnte. Er müht sich mit großer Energie um die Gemeinde, auch wenn ihm aufgrund der wiederholt schlechten Erfahrungen die Lust dazu eigentlich längst vergangen sein müsste.

Die von Gott Geliebten bleiben also unbedingt und völlig unabhängig von ihrem Umgang mit Paulus die „lieben“ Brüder und Schwestern, um deren rechtes Glaubensverständnis er mit aller Kraft ringt.

Steter Tropfen höhlt den Stein, und die Geduld dazu kommt von Gott

Auch die Predigerin und der Prediger von heute finden sich in dieser Befindlichkeit des Paulus gut wieder. Es gibt ja neben allem, was das Zusammenwirken in der Gemeinde bereichert, immer auch etwas zu Herzen zu nehmen, zu mahnen, zu bedenken und zu verbessern, und es gibt neben aller Aufgeschlossenheit für das Wort Gottes immer auch Reserve, Überforderung und Unwillen. Dies nur ein einziges Mal anzusprechen, wird kaum einen Effekt haben. Es über Jahre immer wieder ansprechen zu müssen, weil sich nichts ändert, macht den Prediger und die Predigerin mürbe - und die Gemeinde müde. Damit man einander nicht überdrüssig wird, muss die Beziehung stimmen: Die Gemeinde muss sich bei aller Kritik als Ganzes wie in ihren Einzelnen in der Liebe Gottes und der Zuwendung des Predigers oder der Predigerin gut aufgehoben fühlen, und umgekehrt muss sich die Predigtperson als solche akzeptiert wissen, auch wenn es in manchen Punkten grundlegende sachliche Differenzen geben mag.

Auf die Dauer kann das nur unter „lieben“ - weil von Gott geliebten - Schwestern und Brüdern gelingen. Wo die Liebe ist, gedeiht auch eine gute Streitkultur.

Paulus hat sich beinahe übermenschlich gemüht, die Korinthische Gemeinde im Raum der Liebe beisammenzuhalten. Wenn dieses Mühen heutzutage gelingt, ist das ein großer Segen für das Gemeindeleben. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass sachliche Differenzen und unterschiedliche Glaubensauffassungen leicht zu praktisch unüberbrückbaren Verwerfungen führen.

Umso wichtiger erscheint es daher, sich immer wieder neu der voraussetzungslosen Freundlichkeit Gottes auch gegenüber seinen nicht gesprächsbereiten und unzugänglichen Kindern zu vergewissern und nicht darin nachzulassen, in der Anrede an die Gemeinde wie auch an die einzelnen Gemeindeglieder Räume der Liebe zu eröffnen.

Wenn dann die „liebe Frau Müller“ dennoch dem „sehr geehrten Herrn Pfarrer“ antwortet und die Einladung offensichtlich nicht annehmen kann, ist das zwar schade, aber es hilft nichts, als dennoch im Gespräch zu bleiben - vielleicht klappt es ja ein anderes Mal. Im Raum der Liebe stirbt die Hoffnung nie.

Wilfried Steller


top