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Jahreslosung 2021

Barmherzigkeit hat kein Copyright

Liebe und Barmherzigkeit öffnen den Weg zum Gegenüber, und bald lernen wir, dass beides auch zu uns zurückkommt. Barmherzigkeit ist liebevoll, umfangend, warm und zugeneigt. So ist Gott, unser Vater, sagt Jesus und bittet uns, ihm gleich zu sein. Egal, wie andere leben: „Seid barmherzig!“, ruft Jesus uns zu.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Jahreslosung für 2021 stammt aus Lukas 6,36. Als ob die Mitglieder der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen vor drei Jahren bereits genau gewusst hätten, was wir heuer brauchen. Ja, drei Jahre dauert der Vorlauf für die Jahreslosung. Jede Teilgruppe bringt Vorschläge ein und der Vorschlag, der eine absolute Mehrheit erhält, wird zur Jahreslosung drei Jahre später.

In diesem Jahr ruft Christus uns auf, barmherzig zu sein – zu werden. Anders als viele Dinge in unserem Leben hat Barmherzigkeit kein Copyright. Barmherzigkeit will allerdings gelernt sein. Es gehört zu den Dingen, die ich anwenden kann, wenn ich sie erlebt habe. Das kann schon im Mutterschoß sein – das Ungeborene spürt, wenn Mutter, Vater, Geschwister liebevoll miteinander umgehen, bzw. mit Empathie auf jemand zugehen. Wenn Barmherzigkeit Vorrang hat vor guten Leistungen oder gar bedeutender Herkunft, dann geht es allen gut. Umgekehrt: Wenn Leistung, Gehorsam oder gar Härte und Tadel das Bild prägen, das Heranwachsenden vermittelt wird, dann verhärtet, verroht die ganze Gemeinschaft. Das heißt nicht, dass Kinder und Jugendliche nicht auch Verbesserungsvorschläge zu hören bekommen dürfen. Es fragt sich nur, welcher Tenor obenauf liegt.

Liebe und Barmherzigkeit öffnen den Weg zum Gegenüber, und bald lernen wir, dass beides auch zu uns zurückkommt. Es handelt sich nicht um ein limitiertes Gut – zumindest sollte es nicht so sein. Barmherzigkeit ist liebevoll, umfangend, warm und zugeneigt. So ist Gott, unser Vater, sagt Jesus und bittet uns, ihm gleich zu sein. „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“, sagt Jesus. Viele Menschen sind unterwegs zu ihm. Manche haben hautnah erlebt, wie Jesus sich ausgerechnet ihnen zuwendet, wo sie doch sonst zu denen am Rande, zu den Ausgestoßenen zählen - gerade aus Sicht der Frommen und ihrer religiösen Führer.

Die Zahl der Menschen um Jesus wird immer größer. Die einen halten etwas Abstand, die anderen sind ganz dicht dabei. So auch seine zwölf Jünger, die er gerade erst aus ihrem bisherigen Leben heraus- und in seine Nachfolge hineingerufen hat. Jesus lädt sie ein, ihr Leben verändern zu lassen, indem sie die Barmherzigkeit kennenlernen.

Der Arzt Lukas erzählt in seinem Evangelium jede Menge Heilungsgeschichten. Er richtet seinen Blick nicht auf die Mächtigen, sondern auf die kleinen Leute, die Schwachen und Beladenen: auf Kranke, Hirten, Huren, Witwen, Waisen, auf die „Zöllner und Sünder“. Ihr Leid geht Jesus ans Herz und treibt ihn an Orte, die alle anderen meiden. Er ist da, wo die Starken den von Gott gesandten Messias niemals suchen würden. So, wie er zur Welt gekommen ist, nämlich im Stall zu Bethlehem und eben nicht in einer Metropole, so führt er auch sein Leben. Er sucht die Menschen auf, die ihn brauchen, fragt, was er für sie tun kann. So wird er zum Heiland Gottes für die Menschen.

Egal, wie andere leben: „Seid barmherzig!“, ruft Jesus uns zu. Nicht am Verhalten anderer sollen wir uns orientieren. Auch nicht daran, was für uns selbst dabei herausspringt. Maßgeblich ist allein Gottes leidenschaftliche Barmherzigkeit – Gottes herzliches Willkommen. Nicht durch Verdienst, sondern durch Gnade und Treue widerfährt es uns, gänzlich „unverdient“. Dafür aber umso herzlicher. In Jesu Nachfolge können wir Barmherzigkeit lernen – erfahren und weitergeben.

In der Grafik von Stefanie Bahlinger (Mössingen) zeigt sich die Dynamik, die von dem rundum geborgenen Kind ausgeht. Warme Farben und Flächen breiten sich aus und bilden einen schützenden Raum – Raum für Barmherzigkeit. Die Kälte muss draußen bleiben. Hier ist Raum für Leben, Weiterleben, Aufleben.

In der Grafik ist auch ein Hauch von Heiligem Geist zu sehen. Der Geist Gottes, die unzerstörbare, weltverändernde Kraft der Barmherzigkeit Gottes, kommt zum Tragen. Die Barmherzigkeit verändert auch uns und hilft uns dabei, auch mit uns selbst barmherzig zu sein. Bei Gott stimmt die Gleichung: „Nichts muss ich geben, was mir nicht selbst geschenkt ist.“

Gott schenke uns Beherztheit, da wach und präsent zu sein, wo wir gefordert sind. Ohne krampfhaften Druck, die Welt - und sei es auch nur unsere eigene kleine Welt - retten zu müssen. Es darf mich jedoch nicht länger kalt lassen, wenn jemand ins Abseits gerät, egal aus welchem Grund. Wir sind gefragt - im Jahr 2021 mehr denn je! Auf dass wir immer wieder neu erkennen, wann, wo und wie wir „Nächste“ sein können.

Nein, Barmherzigkeit hat kein Copyright – sie ist im Gegenteil zur Nachahmung dringend empfohlen!

„Sei gesegnet, sodass dein Herz zur Liebe drängt. Sei gesegnet, sodass dein Mund von Gott nicht schweigt. Sei gesegnet, sodass deine Hände deinen Nächsten erreichen.“ (Harald Petersen)

Pfarrerin Lieve Van den Ameele


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